Quartiere ohne Widerspruch

Dissertation

Quartiere ohne Widerspruch in Zeiten des Widerspruchs –

Differenzierung von Stadtstrukturen neuer Stadterweiterungsquartiere durch die Kombination widersprüchlicher Anforderungen

 

Quartiere ohne Widerspruch

„Ich habe momentan den Eindruck, dass wir von der Vielfalt zu einer Einfalt kommen, dass wir Erdgeschoss plus drei Obergeschosse über die ganze Stadt legen“

Süddeutsche Zeitung online, 9. Februar 2018 – über Neubauquartiere in München

 

Zeiten des Widerspruchs

„Die Gesellschaft driftet auseinander. Die Idee der großen Gemeinschaft verliert an Kraft, die Menschen grenzen sich in immer kleinere Gruppen ab.“

Zeit online, 15. Januar 2018 – über die Spaltung der Stadtgesellschaft

 

 

Die Forschungsarbeit stellt die Frage, wie die Kombination widersprüchlicher Anforderungen unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Akteure produktiv zu einer differenzierten Gestaltung neuer Stadterweiterungsquartiere im süddeutschen Raum beitragen kann, damit sowohl ein räumlicher Mehrwert für das Quartier als auch eine Annäherung zwischen den Widersprüchen entsteht.

 

Heute stehen sich zwei städtebaulich relevante Entwicklungen als Gegensätze gegenüber: ‚Quartiere ohne Widerspruch’ und ‚Zeiten des Widerspruchs’. Zum einen entstehen einheitliche Neubaugebiete und zum anderen geht der Gesellschaft diese Einheit verloren. Als ‚Quartier ohne Widerspruch’ werden Stadterweiterungen ohne gebauten Kontext bezeichnet – ohne den Grundwiderspruch zwischen Bestehendem und Neugebautem – die eine rationalistische Homogenität aufweisen. Als ‚Zeiten des Widerspruchs’ werden die zeitgenössischen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft benannt, die Folge globaler, europäischer, deutscher und städtisch lokaler Polarisierungstendenzen sind. Beide Entwicklungen sind für sich gesehen problematisch, da die Gefahr der Entstehung von Extremen besteht. Sie bieten durch ihre Gegensätzlichkeit aber auch die Chance, durch das Zusammenwirken beider, einen Aushandlungsprozess in Gang zu setzten, um Verbindungen und Schnittstellen zu finden, wovon beide profitieren können.

 

Die theoretische Grundlage der Forschung bildet die Dialektik, in welcher der Begriff Widerspruch im Sinne sich polar gegenüberstehender Gegensätze verwendet wird. Die Dialektik ist die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen, in der einer These durch Aufzeigen von Widersprüchen eine Antithese gegenübergestellt wird, woraus sich ein neues Verständnis als Synthese ergibt. Die Forschungsarbeit wird in dialektischer Betrachtungsweise durchgeführt, da Stadt von Gegensätzen geprägt ist, von Ordnung und Unordnung, Einfachheit und Komplexität, Privatheit und Öffentlichkeit, Erneuerung und Tradition, Planung und Leben. Ausgangspunkt der städtebaulichen Überlegungen sind das Konzept der Differenz von Henri Lefebvre, Collage City von Colin Rowe und Fred Koetter, Komplexität und Widerspruch in der Architektur von Robert Venturi und die Dialogische Stadt von Paul Hofer und Bernhard Hösli.

Bildnachweis: Eridan 3 von Vasarely, 1956

 

 

Universität Stuttgart
SI Städtebau-Institut
Lehrstuhl für Stadtplanung und Entwerfen
Prof. Dr. Martina Baum

Harry Leuter