WS1415 – Produktive Stadt Wien

Entwürfe

Wien ist anders. So wirbt das Stadtmarketing und verweist stolz auf ihre Position in den internationalen Rankings über die Lebensqualität in den Städten. Für 2030 erwartet die ehemalige Kaiserstadt wieder zwei Millionen Einwohner und gilt damit als die am stärksten wachsende deutschsprachige Stadt. Dienstleistungen, Verwaltung, Tourismus, Kunst und Kultur bieten allerdings nicht die notwendige nachhaltige ökonomische Basis für die Zukunft der Bundeshauptstadt. Gerade kleinere produzierende Betriebe verlagern immer häufiger ihre Unternehmen nach Niederösterreich. Die Magistratsabteilungen sind nun gefordert Gebiete der Produktivität in der Stadt zu sichern.

 

Das Entwurfsstudio „Urban Hybrid“ entwickelte Szenarien für ein eigenständiges  produktives Stadtquartier im 21. Wiener Gemeindebezirk. Die Ausgangslage am U-Bahnhof Aderklaaer Straße, in einem typisch gewerblich und industriell geprägten Gebiet mit Hallen, Lagerflächen und eingestreuten Produktionsstätten am nördlichen Stadteingang, ist von der Vision einer produktiven urbanen Landschaft noch weit entfernt. Der Neubau eines Shoppingcenters und zweier Wohntürme östlich des Bahnhofes zeugt von einer ökonomischen Aufwertung des Areals und dem somit entstandenen Transformationsdruck entlang der U-Bahntrasse. Wie weit können verschiedene Nutzungen räumlich geschichtet, verwoben werden oder verschmelzen? Welche Formen der Dichte und der Funktionsmischung entsprechen zukünftigen Bedürfnissen der Stadtgesellschaft?

 

Universität Stuttgart
SI Städtebau-Institut
Lehrstuhl für Stadtplanung und Entwerfen
Prof. Dr. Martina Baum
Thorsten Stelter
Markus Vogl
Kristin Lazarova und Leonard Higi
Ananda-Michael Berger und Julian Bollinger

Projekt 01: Kristin Lazarova und Leonard Higi

Im Gegensatz zum klassischen Städtebau, wo ein erwünschter Endzustand für einen bestimmten Auftraggeber entworfen wird, steht die Vitalität, Spontanität, Anpassungs- und Veränderungsfähigkeit der etappenweise formulierten Quartiers- und Stadtentwicklung. die Stadtplaner heute müssen sich mit der prozessualen transformation der Stadt auseinandersetzen und Strategien entwickeln, die „strukturelle Planungen mit prozessorientierten, offenen Entwicklungsansätzen kombinieren“.

Das Gebiet Aderklaaerstrasse wird als eine Art ‚urban lab‘ gesehen, da es sich bei dessen Planung nicht um einen fertigen Entwurf handelt, sondern um einen Vorschlag, wie man Stadtplanung anders denken könnte, indem man mit allen beteiligten Akteuren interaktiv und ergebnisoffen agiert.

Im Prozess ist die Schaffung von Urbanität durch Hybridität von wesentlicher Bedeutung. Ziel ist die Entstehung von Synergien auf verschiedenen Ebenen: in der räumlichen und funktionalen Dimension (durch Nutzungsvielfalt und funktionale Mischung im Stadtraum), sowie in der sozialen Dimension (Überlagerungen verschiedener Lebenswelten). Der städtische Raum wird als Ort der Begegnung, Austausch, Vernetzung, gegenseitiger Unterstützung definiert.

Projekt 02: Ananda-Michael Berger und Julian Bollinger

Das Umfeld des inzwischen fast fertiggestellten Citygates ist geprägt durch heterogene Bebauungsstrukturen. Von großen Wohnsiedlungen, über Zeilen und Einfamilienhäusern bis hin zur Kleingartensiedlung präsentiert sich regelrecht ein Experimentierfeld des Städtebaus. Die Bildung von Insel-ähnlichen Gruppierungen, wird durch das hermetisch wirkende Citygate fortgesetzt. Dieses soll im Zeichen der Entwicklung des Wiener Randbezirks als Zentrum des Viertels fungieren. Problematisch dabei ist nicht der Ansatz einer neuen Mitte, sondern vielmehr die unmittelbare Umgebung. Grenzen und Barrieren in Form von Gewerbe- und Brachflächen erschweren insbesondere Passanten und Radfahrern die direkte Anbindung und Durchwegung in die angrenzenden Quartiere. Hinzu kommt die durch Kraftfahrzeuge stark frequentierte Wagramer Straße, eine der wichtigsten Erschließungsachsen vom Zentrum Wiens in die Randbezirke der Stadt. Dabei stellt die Wagramer Straße über die Donau hinweg einen großen Straßenraum dar und verläuft über 8 Kilometer nahezu geradlinig bis zum Citygate, ehe sie sich von dort aus seitlich einer ehemaligen Mülldeponie im leeren Raum verliert. Ein prägnanter Start- und Endpunkt der Achse ist trotz der stattlichen Erscheinung des Citygates nicht wirklich gegeben. Symptomatisch für die Situation befindet sich das Citygate an der Schnittstelle des 21. und und 22. Wiener Stadtbezirks, dem Übergang der Stadt Wien und dem angrenzenden Bundesland Niederösterreich, sowie im Spannungsfeld von unterschiedlichen, isolierten Wohnsiedlungen und dem Gewerbegebiet Rautenweg. Mit den Erkenntnissen der umfangreichen Analyse bedarf es einer Klärung der bestehenden Verkehrssituation. Dabei soll am Beginn, beziehungsweise am Ende der Wagramer Straße ein städtebaulicher Akzent gesetzt werden. Das Citygate wird dabei als Impulsgeber eingebunden und erhält so ein neues Gesicht. Die Wagramer Straße soll in Zukunft nicht mehr wie bisher undefiniert in das ländliche Umfeld abschweifen, sondern die Umlenkung in den Rautenweg mit dem Anschluss an den Autobahnzubringer erfolgen. Dafür wird die Wagramer Straße im Bereich des Citygates begradigt und ermöglicht so mit der gewonnenen Fläche Raum für die Entwicklung eines städtischen Platzraums am Anfang und Ende der Achse, welche das Areal unmittelbar mit der Innenstadt Wien verbindet. Der Platz soll in Zukunft durch verschiedene Attraktoren mit öffentlichen Nutzungen bespielt werden und der breiten Bevölkerung und den Berufstätigen zur Verfügung stehen. Die Empfehlung von weiteren Hochpunkten ergänzen im angemessenen Rahmen die Hochhaussilhouette des Citygates und bilden zum Einen eine Torsituation in das Areal und stärken zudem den Gedanken der Umlenkung der Hauptverkehrsrichtung am Ende der Wagramer Straße. Spürbar werten die präganten Grünräume die Situation auf. Die bestehende Grünachse entlang der Wagramer Straße wird gestärkt und bis zum Citygate fortgesetzt. Dabei werden unterschiedliche Facetten an Grünraumthemen bedient und bilden einen spannungsvollen und lebendigen Freiraum mit Aufenthaltsqualitäten, trotz der direkt angrenzden Straße stark befahrenen Straße.