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WS1819 – Bad Gastein

Entwürfe

Bad Gastein - Zentrum einer temporären Stadt?

Der Diskurs über historische Zentren, deren Anziehungskraft für Besucher und die darum entwickelten, wilden Agglomerationen der heutigen Städte ist aktueller denn je. Die zukünftige Entwicklung von Städten ausgehend vom tatsächlichen Status Quo, der zersiedelten Landschaft, gilt es zu untersuchen und neue Denkansätze müssen formuliert werden.

 

Entlang des Gasteinertals entstand aus ursprünglich kompakten historischen Dorfkernen eine zersiedelte Landschaft. Bad Gastein bildet dabei den baulichen imposanten Endpunkt des Tals. Durch wöchentlich ebenso viele Touristen wie Einwohner kann die Gemeinde Bad Gastein saisonal als temporäre Stadt diskutiert werden.

 

Im Prozess der Zersiedelung wurde Bad Gastein im 19. Jahrhundert durch die einmalige Lage in dramatischer Landschaft zum beliebten Kurort für Wohlhabende. Die Trennung von Bediensteten und Touristen führte zu sozial und funktional getrennten Stadträumen, ähnlich einer topografisch manifestierten Gated-Community und manifestierte sich auch morphologisch zum heute typischen Stadtbild mit mächtigen Hotels der Belle Époque und der Trennung von schmalen Promenaden und steilen Funktionswegen als separierte Verbindung zwischen den unterschiedlichen Milieus.

 

Heute betrachtet der Tourist das historische Zentrum aus verspekulierten, leeren Hüllen und das Stadtleben hat sich längst entlang des Tals ausgebreitet – weniger fotogen in neuen provisorisch anmutenden Zentren.

 

Doch es scheint Bewegung in die Entwicklung zu kommen. Das Land Salzburg hat drei Hotels um den Straubingerplatz gekauft und einen Investor gefunden, der diese sanieren und wieder für Gäste erlebbar machen will. Der Bau eines Fußgängertunnels vom Bahnhof in das historische Zentrum wird geprüft und mehr und mehr ziehen kulturelle Veranstaltungen und Marketing- Events wieder ein jüngeres Publikum an. Inwiefern diese Projekte und Bemühungen jedoch der langfristig positiven Entwicklung dienlich sind, bleibt abzuwarten.

 

Trotz vorbildhafter Besucherzahlen stellt sich die allgemeine Frage unserer gebauten Umwelt: Kann Tourismus das letzte Allheilmittel historischer, innerstädtischer Zentren sein? Denn das Scheitern der räumlichen und ökonomischen Konzentration auf nur einen Aspekt hat zumindest in Bad Gastein gezeigt, wie anfällig eine solch monofunktionale Fokussierung sein kann, insbesondere bei einer externen Logik der Finanzierung.

 

Im Gegensatz zu der bislang einseitigen Entwicklung, arbeiten die Projekte der Studierenden unterschiedliche Aspekte heraus, die interessante Denkanstöße für Entwicklungen in unterschiedliche Richtungen bieten. Von direkt umsetzbaren punktuellen Eingriffen über langfristige großmaßstäbliche Strategieplanungen bis hin zu einer völlig neuen Ausrichtung der Art des Zusammenlebens wird eine große Bandbreite an Möglichkeiten für Bad Gastein aufgezeigt. Die Beiträge und Vorschläge sollen neben der Diskussion im Sinne der Studiokultur am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart auch zum Weiterdenken vor Ort anregen.

Impressionen Rundgänge mit Gastkritiken von Marie-Theres Okresek, Markus Vogl und Daniel Schönle

Arbeit der Studierenden: Stadt als Promenade - Thomas Lesch und Jakob Schlipf

Bad Gastein zählt monatlich fünfmal mehr Touristen als Einwohner. Im Gegensatz zu anderen touristisch geprägten Orten gibt es jedoch keine Konflikte zwischen Bewohnern und Touristen, da es keine Schnittstellen gibt. Touristisch geprägte Orte wie Bad Gastein können jedoch nur funktionieren, wenn Bewohner und Touristen zusammenarbeiten und durch Synergieeffekte voneinander profitieren.

Mit einem verbindenden linearen Element soll das Zentrum neu definiert werden als lineares Zentrum. Eine Promenade als Zentrum, die die verschiedenen Zentrumsstrukturen miteinander verbindet. Die Promenade bezeichnet per Definition den Spaziergang und gleichzeitig den gebauten Fußgängerweg. Auf einer Promenade wird der Spaziergang regelrecht zelebriert, man geht nicht, sondern flaniert. Gleichzeitig stellt die Promenade auch eine Art Bühne dar. Sie ist ein Ort des Austausches und der Interaktion. Die Promenade bildet in dem Fall einen Ort, an dem Stadtöffentlichkeit sichtbar wird.

In Bad Gastein hat die Promenade eine kulturhistorische Bedeutung. Wegeverbindungen wie die Kaiser-Wilhelm-Promenade dienten dem damaligen Kur-Tourismus als Prachtmeile sowie als Treffpunkt. Diese Orte waren ausschließlich dem europäischen Hochadel vorbehalten, jedoch nicht der Bad Gasteiner Bevölkerung.

Die Exklusivität der Bad Gasteiner Promenade soll aufgebrochen werden, indem der Bad Gasteiner Bevölkerung eine Promenade als verbindendes Element gegeben wird. Diese soll Tourismus und Bewohner einen. Gleichzeitig sollen historisch funktional getrennte Bereiche, inklusiv miteinander verbunden werden. Die Monofunktionalität der einzelnen Bereiche wird dadurch aufgebrochen und verbindet unterschiedliche teils gegensätzliche Atmosphären. Sie verläuft dort, wo diese am intensivsten zu erfahren sind. Sie stellt eine Verbindung der grauen, urbanen, dynamischen Bereiche mit den grünen, ruralen, statischen Bereichen dar. Diese Gegensätzlichkeit erzeugt Spannungen wodurch Dynamik erzeugt werden kann. So definiert Lucius Burckhardt den Spaziergang als eine Sequenz, einer Perlenkette, aufgrund derer eine integrative Leistung vollbracht wird. Das Motiv ist nach Burckhardt der Übergang von der Stadt aufs Land. Dieser Übergang kann in einem kleineren Maßstab auch auf Bad Gastein angewandt werden. Der Übergang des urban-touristischen zum rural-sesshaften. Dieser Übergang wird begleitet vom Berg in der Mitte. Die Promenade führt ringförmig einmal um diesen herum. Wenn man die Promenade somit einmal entlang flaniert, kann man den Ort in seiner Gänze wahrnehmen.

Arbeit der Studierenden: Sorry guys I´m on retreat - Cristina Estanislao und Kathrin Schnell

Schon die Kaiser und Könige ahnten es: zu viel Stress tut nicht gut. Deshalb traf man sich in unregelmäßigen Abständen zur Sommerfrische in Bad Gastein. Das promenieren bei herrlichem Panorama verhalf dabei ebenso zur Linderung ihrer Zimperlichen wie die Anwendungen mit dem radonhaltigen Heilwasser. Die Stadt bot alles um Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Heute bestimmen Hektik und Zeitdruck den Alltag. Es mangelt an geeigneten Räumen, Architekturen und Strukturen. Ein Burnout vorbeugen bevor es entsteht, allein oder mit der ganzen Familie auf Retreat, sei es für ein Wochenende oder gleich ein ganzes Jahr. Am besten spontan, in der Natur, nicht zu weit weg aber abgeschieden genug.

Wer in Bad Gastein aus dem Zug aussteigt und durch die Gassen hinab ins alte Zentrum läuft, spürt schnell warum dieser Ort seit Jahrhunderten eine hohe Anziehungskraft auf Besucher auswirkt. Zwischen mondänen Hotels aus einer anderen Zeit und umgeben von einem beeindruckenden Alpenpanorama stürzt sich tosend ein Wasserfall in die Tiefe.

Abgekoppelt von der Hektik des Alltags, bewegt man sich durch Bad Gastein wie in einer Seifenblase. Lebenskünstler und Ruhesuchende bilden schon heute eine inspirierende Symbiose.

Das leerstehende Kongresszentrum aus den 60er Jahren wird in seiner ehemaligen Funktion komplett transformiert. Die Konstruktion aus Fertigbetonteilen wird dabei größtenteils erhalten. Den neuen Bedürfnissen entsprechend bietet es im Herzen der Stadt fast alles, was temporäre und permanente Bewohner auf Retreat benötigen. Es dient sowohl im Sommer, als auch im Winter als umbauter Kurpark. Da die Schätze der Natur für alle zugänglich sein sollten, steht das radonhaltige Heilwasser zur freien Verfügung. Auch andere Annehmlichkeiten wie Ruhe- und Bewegungszonen in unterschiedlichen Dimensionen werden angeboten. Besucher treten in ein beruhigtes Ambiente und können sich ganz auf ihre Erholung fokussieren. Die Räume werden durch ihre Materialität definiert und laden so zur Nutzung ein. Um kein Überangebot zu schaffen, kann das Zentrum sukzessiv erweitert werden. Verschiedene Qualitäten, wie geschlossene, offene und gemeinschaftliche Räume wechseln sich ab.

Eine Reminiszenz an die alten Wandelgänge rundet den Entwurf ab und verwebt den Eingriff mit der Geschichte des Ortes.

Arbeit der Studierenden: Nischen - Alina Gold (Bachelorarbeit)

Ehemals bekannt als Kurort für Wohlhabende, stellt sich Bad Gastein heute mit verspekulierten Gebäuden inmitten des Wintersportgebiets dar. Die Stadt regt Touristen und Bewohner dazu an, Nischen zwischen den verspekulierten Fassaden entdecken zu wollen. Im Gegensatz zum Kongress- und Straubingerplatz finden sich in Bad Gastein unzählige Nischenorte, die zwischen Image und Identität des Ortes vermitteln.

Im Entwurfsprozess wurden beispielhaft Nischen analysiert und auf ihre Eigenschaften untersucht. Das intrinsische Entwerfen fünf dieser Nischen im historischen Ortszentrum wurde durch das Erfassen der in den Nischen liegenden Anreize erwirkt. Die entstandenen Möglichkeitsräume intensivieren oder kontrastieren vorgefundene Atmosphären. Atmosphäre wird generiert durch das Schaffen von und Arbeiten mit den Sinnen Sehen, Hören, Riechen und Tasten sowieso die subjektive Erwartung an und das subjektive Gefühl für einen Ort.

Arbeit der Studierenden: Vertierung Bad Gastein - Ginster Bauer

Bad Gastein war in früheren Zeiten die ländliche Außenstelle und Nahrungslieferant von Salzburg. Mit meinem Städtebauvorschlag möchte ich zum einen die ländlichen Wurzeln herausarbeiten und zugleich die kleinstädtische Struktur wiederbeleben. Zum anderen möchte ich in meinem Vorschlag einen zeitgenössischen Diskurs über ein anderes Mensch-Tier-Verhältnis integrieren, um darüber zu einem neuen Besiedlungskonzept zu gelangen. Dieses kann als Modell für eine besondere Form der Nachverdichtung und Revitalisierung betrachtet werden.

Da Bad Gastein mit Leerständen zu kämpfen hat und nur Teilbereiche der Stadt saisonal belebt sind, soll der Ort durch Ansiedlung von Nutztieren und damit auch von Menschen wiederbelebt werden. Das Nutztier muss von Menschen gefüttert und gepflegt werden; und umgekehrt war und ist der Mensch auf Nutztiere als Nahrungs- und Materiallieferant angewiesen.

Die Ansiedlung der Tiere umfasst Schafe, Ziegen, Hühner, Kühe und Alpakas. Bei der Herausarbeitung der städtebaulichen Maßnahmen habe ich mich an den Bedürfnissen der Tiere orientiert. Als Vorbild für eine funktionierende Mensch-Tier-Infrastruktur wurde der Bauernhof genommen, der eine fast dörfliche Struktur besitzt. Bei „Vertierung Bad Gastein“ soll Tieren ein eigener Raum überlassen werden, den sie nach ihrem „Eigen-Sinn“ gestalten können. Die Umnutzung der zahlreichen Grünflächen kann nicht nur vielen Tierbewohnern einen neuen Lebensraum (beastly spaces) bieten, sondern auch zu einer anderen Form der Nachverdichtung und Umnutzung beitragen. Das Parkhaus wird zum Tierhabitat, Parkplätze werden zu Stallungen. Die nötigen Baumaßnahmen wären: Bau von Ställen, Bau von Vertrieben, neue Tier-Mensch-Habitate mit Nutzung der Abwärme von Tieren als Energieressource. Die Vertierung von Bad Gastein könnte auch für den Tourismus einen positiven Nebeneffekt haben: Landurlaub und Urlaub auf dem Bauernhof sind inzwischen bei Familien aus Großstädten ein beliebter Trend. Ein „vertiertes“ Bad Gastein würde innerhalb dieses Tourismusangebots eine Sonderstellung einnehmen, da eine ganze Kleinstadt mit Umgebung in die „Vertierung“ einbezogen wäre. Angebote für Familien zum Mitmachen bei der Tierpflege oder beim Melken, Füttern, Spaziergänge mit Ziegen, usw.

 

Universität Stuttgart
SI Städtebau-Institut
Lehrstuhl Stadtplanung und Entwerfen
Prof. Dr. Martina Baum
Sascha Bauer
Harry Leuter