Stadt/Land Perspektiven

Interessen

Perspektiven auf und im ländlichen Raum.

Im Rahmen des Forschungsfelds „Ressource Ländlicher Raum“ beschäftigten wir uns mit den Perspektiven auf und den Potenzialen im ländlichen Raum in Baden-Württemberg. In verschiedenen Teilprojekten loteten wir die Beziehung und Wechselwirkungen zwischen Stadt und Land aus und versuchten Rollenmuster, Begabungen und Grenzen herauszuarbeiten. Hierzu war es notwendig, zu hinterfragen was hinter den Begriffen Stadt und Land steht und deutlich zu machen, dass die Definitionen je nach Perspektive des Fragenden andere sein werden.

Dieses Teilprojekt beschäftigte sich mit der Perspektive auf den ländlichen Raum und den Bildern, die darüber kommuniziert werden am Beispiel der Region Heilbronn-Franken. Vier Ortschaften wurden hierzu ausgewählt und an Hand der gleichen Methodik erfasst und bereist. Das Ziel war, durch diese experimentelle Raumwahrnehmung, die Bilder, welche über einen Ort vermittelt werden mit jenen der Realität vor Ort zu überlagern.

Trotz aller Renaissance der Städte ist der ländliche Raum in den letzten Jahren wieder verstärkt ein Sehnsuchtsort geworden. Ursprünglichkeit, Ruhe, Abgeschiedenheit, einfache Lebensweise und Ortsverbundenheit werden projektiert. Der Zeitschriftenmarkt liefert die passenden Bilder und Geschichten in immenser Auflage mit Leserschaft aus dem urbanen wie auch ruralen Kontext. Auch das regionale Marketing vermittelt idyllische Ort- und Landschaften mit unverwechselbarer Identität. Können diese Bilder in der Realität wiedergefunden werden? Welche Situation zeigt sich in den Orten räumlich, funktional wie auch atmosphärisch? Welche Typologien und Ästhetik wird produziert?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, begaben wir uns auf eine Expedition in den ländlichen Raum der Region Heilbronn-Franken. Für jeweils drei Tage bereisten wir die Orte Widdern, Werbach, Blaufelden und Kupferzell. Ausgewählt wurden diese aufgrund der Landschaftsbildqualität in Kombination mit der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung.

Zunächst wurden die Bilder, welche über diese Orte im Internet kommuniziert werden gesichtet. Im Anschluss erfolgte die Bereisung mit der immer glei-chen Vorgehensweise der Erkundung vor Ort. Die Bilder der vorgefundenen Situationen wurden mittels Fotografien erfasst. Ergänzend hierzu wurden die Orte der höchsten Funktionsdichte und Kommunikationsfrequenz in jedem Ort erkundet. Die beiden Perspektiven der Außenwirkung über die Medien und der realen Raumerfahrung lieferten sehr interessante Erkenntnisse über Wunsch und Wirklichkeit im ländlichen Raum. Die idyllischen Werbebilder zeigten nur einen kleinen Ausschnitt der gebauten Realität. Vor Ort immer die gleiche Logik: verfallende Ortskerne umrahmt von immer weiter wachsen-den Einfamilienhaussiedlungen und Gewerbegebieten am Rand. Weite Teile der Ortschaften verfügen nicht mehr über unverwechselbare Ortsidentität sondern reproduzieren internationalisierte und kommerzialisierte Codes zu generischen Siedlungen: Schwedenhäuser aus rot lackiertem Holz, Villen im Toskanastil, Bauträgerhäuser mit Wärmedämmverbundsystem, kanadische Blockhausarchitektur und kubistische Gebäude in Anlehnung an die Moderne versammeln sich zu einer austauschbaren und eigenschaftslosen Kakophonie. Das Gleiche gilt für die Gewerbegebiete. Auch hier die immer gleichen Architekturen der Handelsketten und Gewerbebauten umrahmt von großen Parkplätzen und aufmerksamkeitsheischenden Werbeschildern. Ist man auf dem Land oder in der Stadt, in Kupferzell oder Stuttgart – nicht nachvollziehbar.

Regionale Bautradition und Bauweisen lassen sich nur noch in den Kernen finden, weiterentwickelt und in die Zukunft gebracht wurden sie nicht. Eine urbanisierte Gesellschaft produziert hier hingegen ein ortsunabhängiges, generisches Lebensumfeld. Highspeed Internet, die Medien und Konsum-konzerne bringen die Welt nach Werbach. Stadt oder Land, der Kontext wird zur Kulisse. Orte der Gemeinschaft sind nicht mehr der Dorfplatz und der Dorfbäcker sondern die Autobahnraststätte an der A6 und der Großbäcker im Supermarkt mit Bestuhlung auf dem Parkplatz.

Es stellte sich deshalb die Frage, wie mit dieser Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit umgegangen werden kann. Ist der idyllische ländliche Raum mit seinen zugeschriebenen Potenzialen und Werten ein längst vergangenes Wunschbild und wird somit zum Mythos? Reicht die mediale Reproduktion davon durch Bilder um die Bedürfnisse zu befriedigen und braucht es gar keine bauliche Entsprechung mehr? Diese Fragen müssen diskutiert werden. Handlungsbedarf zeigt sich im Umgang mit den Ortszentren. Sie sind die Verlierer dieser Entwicklung. Gering genutzte oder leerstehende Wohngebäude, aufgelassene Hofstellen und geschlossene Ladengeschäfte prägen das Bild. Welche Rolle haben sie in Zukunft? Wer möchte hier wie leben und arbeiten? Braucht es die alten Gebäude noch oder braucht es einen radikalen Neuanfang? Werden sie zu Kulissen und musealisiert oder können sie weiterhin aktiver Teil des Alltags sein? Auch diese Fragen bedürfen einer offenen Diskussion, die wir gerne anstoßen wollten.

Forschungsprojekt der Universität Stuttgart
SI Städtebau-Institut
Lehrstuhl für Stadtplanung und Entwerfen
Prof. Dr. Martina Baum
Hanna Noller
Sebastian Klawiter