Eine Feministische Gegenpraxis zur Monumentalkultur

Masterarbeiten

Chiara-Maria Keim und Alina Mykhavlova

Die Wyshywanka als Entwurfsprinzip

 

Unsere Inspiration ist die Wyshywanka – das traditionelle, bestickte Hemd der Ukraine, das wir als tragbares Gedächtnis verstehen. Jede Naht, jedes Ornament erzählt von Herkunft, Geschichte, Schutz und Identität; es ist ein Text aus Fäden, der über Generationen weitergegeben wird. In den Ornamenten spiegeln sich das Leben der Menschen, ihre Hoffnungen, Ängste und Rituale, ihre Zugehörigkeit zu einem Ort und zu einer Gemeinschaft. Die Sumskastraße in Charkiv ist die erste Straße der Stadt, ihre zentrale Achse und Lebensader. Seit ihrer Entstehung prägt sie die Entwicklung Charkivs, war Zeuge städtischen Wachstums, sozialer Begegnungen und politischer Ereignisse. Sie bildet den historischen Rahmen, in dem das Verwaltungsgebäude der Oblastverwaltung am Freiheitsplatz steht, ein Gebäude, das selbst wie ein gewebtes Dokument der Stadt gelesen werden kann. Wie in einer Stickerei trägt auch dieses Gebäude in jeder Schicht eine eigene Geschichte:

 

Es wurde im Zarenreich errichtet, in der Sowjetunion umgestaltet, nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut, nach der Unabhängigkeit der Ukraine erneut verändert. Jede Epoche hinterließ ihre Spuren, jede Veränderung wies eigene Ornamente auf stumme Zeugnisse einer sich wandelnden Machtstruktur. Das Gebäude ist ein Körper, dem politische Geschichte eingeschrieben ist. Heute, im Krieg, wurde dieser Körper erneut verletzt: Eine offene Wunde im Stadtgewebe. Diese Leerstelle verstehen wir nicht als Mangel, sondern als Potential für Erinnerung, als Einladung, die Spuren sichtbar zu halten, für das Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Entwurf nähert sich dem Gebäude wie einem Stoff. Wir streben keine historisierende Wiederherstellung an, sondern eine Architektur des Erinnerns, nicht die Perfektion wiederherstellen, sondern die Fragmentarität zulassen. Risse, Brandspuren, Einschüsse und beschädigte Ornamente werden als Teil des kollektiven Gedächtnisses sichtbar gehalten. Wir wollen die Spuren der Zeit bewahren, nicht glätten, nicht kaschieren, sondern ein Archiv des Raumes schaffen, das Erinnern und Gegenwart verwebt. Der Freiheitsplatz, einst Bühne der Macht, wird so zu einem Ort der gemeinsamen Erinnerung, zu einem öffentlichen Raum, in dem die Stadt selbst die Geschichte trägt, erzählt und erfahrbar macht. Das Gebäude wird zur Wyshywanka der Stadt – genäht, geöffnet, vernäht – ein lebendiges Symbol dafür, dass Erinnerung nicht in Stein gemeißelt, sondern immer neu gewebt wird.

 

Unsere Intervention versteht sich als poetisches, architektonisches Handwerk: wie eine Stickerei, die den Rhythmus des Alltags aufnimmt, die Hände, Räume und Geschichten verbindet. Jeder Eingriff, jede Linie, jede Öffnung ist eine Naht in einem fortlaufenden Gewebe, dass

das Vergangene sichtbar hält, die Gegenwart spürbar macht und den Faden in die Zukunft weiterträgt. Die Wyshywanka ist kein bloßes Motiv, kein dekoratives Element, sondern ein Tool, ein Entwurfsprinzip: Die Wyshywanka lehrt uns, dass Gedächtnis lebendig bleibt, wenn wir es durch Stoff, Hand und Raum verarbeiten. So wird die Architektur zu einem tragbaren Gedächtnis der Stadt, und jeder Schritt auf dem Freiheitsplatz wird zu einer Bewegung durch die Schichten der Zeit, ein Erleben von Geschichte als fließendem, gewebtem Prozess.