Studio Feuer und Wasser
EntwürfeÖffentliche Architekturen zwischen Notwendigkeit und Sehnsuchtsort
Feuer und Wasser gehören zu den vier Grundelementen. In der griechischen Philosophie stehen sie für die Grundordnung der Welt. Sie sind erhaben, monströs, polyvalent und beschreiben Notwendigkeit und Sehnsuchtsort zugleich. Indem die Elemente vor allem unsere taktile Wahrnehmung stimulieren, verbinden sie Körper und Welt und schaffen räumliche Atmosphären. Feuer und Wasser, Erde und Luft sind dialektisch, es ist unmöglich das eine ohne das andere zu diskutieren. Das von ihnen ausgehende Wohlbefinden wie das Unbehagen sind gleichsam Präsent. Die Elemente beziehen sich auf die Zustände fest, flüssig, gasförmig und energetisch, die durch Temperaturänderungen ineinander übergehen können. In der Architektur und im Städtebau beschreibt die Wiederentdeckung der Elemente die Suche nach einer anderen Verbindung zu Natur und Mitwelt. Das Aufeinandertreffen mit Feuer und Wasser erfordert ein Überdenken räumlicher Beziehungen, thermischer Kontrolle und sich saisonal verändernden klimatischen Bedingungen. Zudem stellt es Fragen an die städtische Infrastruktur. Auch die soziokulturellen Dimensionen der Elemente und ihrer Eigenschaft Momente der Intimität ebenso wie die des niederschwelligen Zusammenkommens zu gestalten scheint, mit Blick auf derzeitige Multikrisen, von besonderer Bedeutung. Diesen vielfältigen Aspekten von Feuer und Wasser sind wir im Studio nachgegangen. In Anlehnung an das Konzept „Täglich“ haben die Studierenden öffentliche Architekturen des Feuers und des Wassers an eigenständig identifizierten Orten der Stadt Stuttgart entworfen. Dabei wurden verschiedene Spuren und Geschichten des Feuers und des Wassers in Stuttgart aufgedeckt und im Entwurf kritisch weitergesponnen. Besonders deutlich wurde das maßstabsübergreifende Potenzial der Elemente zwischen körperlicher Erfahrung und städtischer Infrastruktur.
Arbeiten der Studierenden
Lara Eberwein und Jule Stäbler
„Stadtkur“
Ausgangspunkt des Entwurfs ist das außergewöhnlich große Mineralwasservorkommen Stuttgarts und Cannstatts Geschichte als ehemaliger Kurort. Während die heilende Wirkung des Wassers heute weitgehend auf die Mineralbäder beschränkt ist, zielt der Entwurf darauf ab, Wasser wieder als öffentlich und sinnlich erfahrbares und gemeinschaftliches Gut in den Stadtraum zurückzuführen. Unser Interventionsort ist das ehemalige Cannstatter Stadtbad, das zu einer zentralen Trinkhalle wird. In ihrem ehemaligen Schwimmbecken entsteht ein offener, geschützter Ort, in dem Brunnen und Mineralwasser den räumlichen Mittelpunkt bilden. Das Trinken des Mineralwassers wird zu einem sozialen Ritual und knüpft an die Tradition des Kurortes an. Ergänzt wird die Trinkhalle durch ein Gradierwerk, gefasst von einem Wandelgang geformt aus der Bestandsstruktur. Als klassisches Kur-Element verbindet es Bewegung, Aufenthalt und die gesundheitsfördernde Wirkung des Wassers. Städtebaulich markiert die Trinkhalle einen zentralen Baustein auf der Kur-Achse zwischen Kursaal und Mombachquelle. Diese wird durch sichtbare Wasserleitungen der verschiedenen Quellen, aus denen die Trinkhalle ihr Wasser bezieht, verstärkt. Der Entwurf greift so die Geschichte der Cannstatter Mineralquellen auf und spinnt sie räumlich weiter.
Larissa Chvaicer Pimenta und Pauline Hochdorfer
„Endlich wieder Baden!“
Unser Entwurf setzt am Schwabenzentrum, einem der meist frequentierten Orte der Stuttgarter Innenstadt, an. Das Schwabenzentrum wird jedoch gerade abgerissen. Im Sinne der Suffizienz arbeiten wir mit diesem Zustand weiter und begreifen die Gebäudestruktur als urbane Ruine: als offenen, transformierbaren Bestand.
Ein in Stuttgart reichlich vorhandenes, aber weitgehend verborgenes Element ist das Mineralwasser. Eine Quelle befindet sich auch in der Innenstadt, die beim Bau des Breuninger-Kaufhauses 1971 entdeckt wurde.
Im ehemaligen U-Bahn-Abgang, dem räumlichen Kern des Schwabenzentrums, entwerfen wir eine Badeutopie, eine Collage von Pamukkale. Die ehemaligen Fassadenplatten des sich im Abriss befindenden Gebäudes werden gestapelt und formen begehbare Beckenlandschaften, gespeist von der Breuninger-Quelle. Die notwendige Wärme liefert ein neu organisierter Rechenzentrumsbetrieb. Bislang dezentral arbeitende Serverstrukturen der Landesverwaltung werden vor Ort gebündelt. Ihre Abwärme temperiert die Badebecken und beheizt das Gebäude. Mineralquelle und Serverinfrastruktur verschränken sich zu einem hybriden System, in dem Datenströme und Wasseradern produktiv zusammenwirken. Parallel entsteht eine zweite soziale Infrastruktur: gemeinschaftliches Kochen, in der Lebensmittelrettung, Energieproduktion und Zubereitung ineinandergreifen.
Ziel des Entwurfs ist es, diese unterschiedlichen Systeme als integralen Bestandteil des urbanen Alltags erfahrbar zu machen. Technische Infrastruktur wird räumliche und soziale Infrastruktur und eröffnet Räume des Austauschs, der Fürsorge und der kollektiven Aneignung.
Kolja Traulsen und Luis Wörner
„Nesenan“
Mit dem Stutengarten im Nesenbachtal beginnt 950 n. Chr. die Geschichte Stuttgarts. Die Stadt entwickelt sich entlang des Wasserlaufs. Obwohl der Nesenbach im Laufe der Zeit zur Kanalisation degradierte, trifft sich die Stadtbevölkerung auch heute noch an denselben Plätzen nur wenige Meter über dem Hauptwassersammler Nesenbach. Mit einer neuen Typologie, dem „Nesenan“, einer Kombination aus Kläranlage und urbaner Allmende, machen wir auf die Situation des Nesenbachs aufmerksam. Durch das Klären des Abwassers wird das Wasser den Menschen wieder zugänglich gemacht, urbane Gemeinschaftsküchen und Werkstätten werden mit, durch Faulschlamm entstehende Gase, befeuert und selbiger endet als Kompost im gemeinschaftlich bewirtschafteten Stadtacker. Mit der Überlagerung von ökologischer und sozialer Infrastruktur, entstehen entlang des Nesenbachverlaufs drei hochkonzentrierte Orte in mitten der Stadt, welche von lokalen Akteuren und Initiativen genutzt und angeeignet werden. Die Typologie reagiert bewusst auf den jeweiligen Ort, und entwickelt ihre charakteristischen Merkmale Standort spezifisch weiter. So wird an jedem der drei bearbeiteten Orte die Klärung des Abwassers sichtbar gemacht und als gestaltgebendes Element genutzt. Zugleich wird der öffentliche Charakter der Gebäude, durch einladende Gesten, betont.
Paula Fritz und Gabriela Beserra Brandt
„Gewand fällt“
In unserem Entwurf setzten wir uns mit dem Thema der Intimität im öffentlichen Raum anhand des Badens und des Waschens in der Stadt Stuttgart auseinander. Indem wir Formen von Privatheit bewusst in den öffentlichen Raum übertragen, möchten wir einen Ort schaffen, der Nähe ermöglicht und soziale Verbindungen stärkt, anstatt Isolation und Ausschlüsse zu reproduzieren. Das Textil, in Form der architektonischen Elemente des Dachs und der Wand, schafft räumliche Momente zwischen Verhüllen und Verbergen. Als Ort diente uns die Brunnenanlage im Stadtgarten nahe der Universität Stuttgart. Dieses Denkmal wird seit längerem nicht mehr mit Wasser bespielt. Mittels Strategien des Sammelns und Klärens von (Regen-)Wasser, wollen wir die Brunnenanlage wiederbeleben und in einen lebendigen Ort sozialer Begegnung transformieren.
Lehrteam SuE
Leonie Link
Ann-Kathrin Ludwig
Rocio Conesa Sanchez
Prof. Dr. Martina Baum
Lehrstuhl Städtebau und Entwerfen
Prof. Dr. Martina Baum